Thomapyrin? Die einen sagen so, die anderen anders

Wenn die Medien etwas Negatives über Produkte unseres täglichen Lebens berichten, dann laufen die betroffenen Firmen anschließend Sturm dagegen und erklären: Das ist alles nicht richtig. So habe ich am 4. August 2014 auf Szene Ahrensburg einen Beitrag über eine Werbung der easy-Apotheke geschrieben, die das Schmerzmittel Thomapyrin propagiert hatte. Vom Hersteller Boehringer Ingelheim bekam ich dazu eine Stellungnahme per Briefpost. Judith von Gordon, Head of Media & PR, schreibt mir:

Bildschirmfoto 2014-10-08 um 22.29.03“Sehr geehrter Herr Dzubilla, in dem o. g. Artikel wird auch unser Präparat Thomapyrin aufgeführt. Hierbei zitieren Sie aus dem 14 Jahre alten Artikel ‘Gefährliche Substanzen’  des Magazins ‚Der Spiegel’ Ausgabe 12/2000: Fest steht: Mehrere Studien zeigen, dass die Kombination von Acetylsalicylsäure, Paracetamol und Coffein, aus der Thomapyrin besteht, nicht wesentlich besser den Schmerz stillt als die jeweiligen Substanzen allein – dafür aber eher zu Abhängigkeit, Nierenschäden und bestimmten Krebsarten führen kann. Etwa 500 Menschen, schätzen Experten, werden jedes Jahr aufgrund solcher Kombinationspräparate in Deutschland unnötigerweise dialysepflichtig. Die Autoren der ‚Bitteren Pillen’ verpassten dem Präparat deshalb das Prädikat ‚abzuraten’. Auch die meisten Ärzte verschreiben das im freien Verkauf so beliebte Medikament inzwischen kaum noch.’

Unbenannt-11 KopieWeiterhin bezeichnen Sie das Präparat Thomapyrin in diesem Zusammenhang als eine ‚bittere Arznei’ und ein Medikament ‚aus einer Zeit, als der nicht aufgeklärte Patient im Vertrauen auf weiße Kittel alles geschluckt hat, was ihm über die Laden(apo)theke gereicht wurde, ohne darüber nachzudenken, ob es denn auch sinnvoll ist.’

Diese Aussagen sind sachlich nicht korrekt und beziehen sich auf unzutreffende und mittlerweile eindeutig widerlegte Vermutungen. Die vom Spiegel und in ‚Bittere Pillen’ dargestellten Risiken haben sich in wissenschaftlichen Untersuchungen als haltlos erwiesen. Medizinische Fachgesellschaften empfehlen daher seit Jahren Kombinationen vom Thomapyrin-Typ als Mittel der ersten Wahl zur Behandlung von Spannungskopfschmerzen und Migräne – sogar mit einer hervorgehobenen Empfehlung aufgrund der guten datenlage (Haag 2011). Diese Leitlinie steht stellvertretend für zahlreiche andere wissenschaftliche Publikationen, die wir Ihnen bei Bedarf gerne zur Verfügung stellen können.

Die Wirksamkeit, Sicherheit und Unbedenktlichkeit unserer Arzneimittel zu gewährleisten, ist der Anspruch von Boehringer Ingelheim. Sollten Sie in Zukunft erneut über unsere Präparate berichten, bestehen wir auf journalistisch sorgfältiger, sachlich korrekter und auf Basis aktueller Daten recherchierte Berichterstattung.

‚Satire darf alles’ – aber gut recherchiert sollte sie schon sein, sonst stellt sie sich selbst ins Abseits.

Mit freundlichen Grüßen Bildschirmfoto 2014-10-08 um 22.29.13

Kurz nachdem ich das voranstehende Schreiben von Boehringer Ingelheim bekommen hatte, brachte die Stiftung Warentest einen Test von Schmerzmitteln. Ich habe diesen Bericht nicht gelesen, wohl aber einen Beitrag darüber von „Focus“. Und dort fand ich folgenden Hinweis:

 Schmerzmittel-Kombinationen wenig geeignet

Kombinationsmittel wie Doppel Spalt compact, Neuralgin, Titralgan oder Thomapyrin enthalten oft zwei oder mehr Wirkstoffe – etwa ASS und Paracetamol – plus Koffein. Koffein belebt, kann aber dazu verleiten, die Arznei zu oft und zu lange zu schlucken. Dadurch erhöhe sich das Risiko von Nebenwirkungen, schreibt Warentest. Die therapeutische Wirkung solcher Mittel sei nicht zuverlässig, unerwünschte Effekte könnten sich aber häufen. Stiftung Warentest rät zudem, verschiedene Schmerzmittel nicht zu kombinieren, um Risiken zu vermeiden.

Ja, die einen sehen das so, die anderen eben anders. Und dazwischen sitzt der Konsument und weiß nicht, wem er seinen Glauben schenken soll. Ich persönlich vertraue da dem Ahrensburger easy-Apotheker, der mich gewarnt hat: “Natürlich gesund? Das geht auch anders!”

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht am 9. Oktober 2014

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